Ein ganz besonderes Erlebnis war
für die Gruppe der zweiten Auschwitzfahrt die Begegnung mit dem ehemaligen Häftling
August Kowalczyk. Kennengelernt haben wir ihn durch unsere Dolmetscherin Sofia Klabisch,
die ein Buch von ihm in polnischer Sprache gelesen hatte, in dem er über seine Erlebnisse
berichtete. Davon war Sofia so beeindruckt, daß sie versuchte, in Polen mit Herrn
Kowalczyk Kontakt aufzunehmen. Er war bereit, uns in Auschwitz zu besuchen, mit uns durch
Auschwitz I und II zu gehen und von seinen Erlebnissen zu berichten.
Herr Kowalczyk brachte uns am
ersten Abend unseres Aufenthaltes in Oswiecim die drei Teile seines Buches in einer
provisorischen deutschen Übersetzung. So konnten wir uns, schon vor unserem gemeinsamen
Tag, mit ihm und seiner Geschichte beschäftigen. August Kowalczyk, geboren am 21.8.1921,
war Häftling Nr. 6804. Er wurde am 4.12. 1940 nach Auschwitz gebracht und entkam am
10.6.1942 bei einem Massenfluchtversuch, der von Teilen der Strafkompanie während der
Arbeit am "Königsgraben" durchgeführt wurde. Nach dem Krieg wurde er ein
bekannter polnischer Schauspieler. Auch in seinem Beruf beschäftigte er sich immer wieder
mit seiner Vergangenheit im Lager und spielte auch seinen damaligen Widerpart, den
SS-Mann. Gerade seine Auseinandersetzung und sein Leben mit dieser Vergangenheit waren
für uns interessant und beeindruckten uns an diesem Mann besonders.
Im dritten Teil seines Buches:
"Sechzehn mal Rückkehr", schreibt er sechzehn Träume nieder, die er bis
heute immer wieder geträumt hat, die ihn schreiend und schweißgebadet aufwachen ließen
und die ihn wieder nach Auschwitz zurückholten. Im zweiten Bericht heißt es:
(...) Seltsam ist dieser
Winkel...Eng ist es da immer...Block 11, hineingezwängt zwischen Drähte, Mauern,
Türme...Die Abstände zehnmal größer als damals... Ich steige hinab...Ach, der Bunker.
Auf den Treppen vor und hinter mir - Häftlinge...Niemand kenne ich...Ende der
Treppen...Ein sehr langer Flur...Nein!...Ein Saal!...Der Umkleideraum des Bades...Jedem
nimmt man die gestreifte Häftlingskleidung ab...Der Nackte geht durch eine schwere
Stahltür in den Ofen hinein...In keine Gaskammer... Ofen!...Sehr schnell komme ich dieser
Tür nahe...Doch Feuer sieht man nicht...Schon bin ich nahe...vor mir vier
Häftlinge...Schweißgebadet...Ohne Gefühl in den Händen und Beinen...Ich weiß, es gibt
keine Rettung mehr...aber...ich kann noch aufwachen! Schon bin ich der Dritte, schon der
Zweite...Der vor mir stieg in den Ofen...der Häftling, der durch die Tür einließ,
streckt zu mir die Hand mit einem Kleiderbügel aus. Noch eine Weile... Ich nehme den
Bügel...Aus Draht ist er gemacht. Ein breiter Bügel...Zwei Drähte, drei Zentimeter weit
voneinander entfernt...Ich hänge die Streifenbluse auf den Bügel...Schon öffnet man die
Tür...Jetzt! Ich bin erwacht...! Es ist 2.15 Uhr...Der Morgen dämmert.
Als Anmerkung schreibt August
Kowalczyk zu diesem Traum: Die Lagertopographie ist im Traum dehnbar wie Gummi. Der
Bunker - Lagergefängnis Block 11. In der Zelle Nr. 20 saß ich vom 16. - 27.5.1942. Die
Betondunkelkammer. Block 11 - auch "Todesblock" genannt. Der Ofen - als
Häftling habe ich im Lager niemals das Innere des Krematoriums gesehen. Es geschah erst
nach dem Krieg.